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21. Juli 2010
La crise, natürlich. Immer wieder kommt bei der Reise durch das Roussillon die Rede auf die Krise. Gemeint ist einmal nicht die weltweite Finanzkrise, sondern, schlimmer noch, der sinkende Weinkonsum der Franzosen, die wachsende Konkurrenz aus Übersee und sich wandelnde Trinkgewohnheiten, die die einst auf allen Restaurantkarten Frankreichs führenden "vins doux naturels" des Roussillon aus der Mode gebracht haben. Eine Krise, die vor einer Winzergeneration begann und auch vor altehrwürdigen, prestigeträchtigen Gütern wie dem Château Puig-Parahay nicht haltmacht. "Als ich das Gut, das meine Vorfahren seit 1446 bewirtschaften, vor sechzehn Jahren übernommen habe, dachte ich, die Krise sei vorüber. Ich habe mich getäuscht", sagt Georges Puig mit süffisantem Lächeln.
Wir stehen in einem der Weinberge des Château Puig-Parahay am Ortsrand von Passa und blicken über die Aspres. Die weichgewellte Hügellandschaft mit ihren rebenfreundlichen Schieferböden reicht von den Ausläufern der Pyrenäen bis nach Perpignan, der umtriebigen Hauptstadt des Roussillon. Eine Kopfdrehung, und die gewaltige Masse des 2784 Meter hohen Canigou verbarrikadiert den Horizont. Seit Ludwig XIV. sich 1659 mit entsprechenden Drohgebärden den nördlichen Teil Kataloniens einverleibt hat, markiert der Kamm des Gebirges die Grenze zwischen Spanien und Frankreich. Über den Weinbergen der Aspres flirrt die Luft. Jedes Jahr aufs Neue bricht das Thermometer alle Hitzerekorde. Die intensive Sonnenstrahlung, die von den Pyrenäen geschützte Lage und vom Meer wehende Winde sorgen für ein gesundes Lesegut mit sehr reifen Trauben, die das Roussillon, wie der nördliche, französische Teil Kataloniens seit dem siebzehnten Jahrhundert heißt, zum Land der natursüßen Weine bestimmen. Durch Zugabe von Weingeist werden die "vins doux naturels" traditionell auf bis zu zwanzig Prozent Alkohol verstärkt und erreichen eine nahezu unbegrenzte Lagerfähigkeit. Mindestens dreißig Monate, bei sehr guten Jahrgängen auch zwanzig Jahre werden die Weine oxydativ in Holzfässern oder birnenförmigen Glasballons ausgebaut. Starke Kälte- und Wärmeschwankungen befördern den Prozess, an dessen Ende Tropfen von unvergesslicher Aromendichte stehen.
Ein Jahrhundert lang, das mit dem für den Export wichtigen Bau der Eisenbahn 1869 begann und in den siebziger Jahren mit dem Wandel der Trinkgewohnheiten zu trockneren Weinen endete, waren die Süßweine des Roussillon ein Garant für den Wohlstand der Winzer. Fini. Georges Puig, der dank hochgewachsener Gestalt und dandyhafter Allüren als englischer Landadeliger durchgehen könnte, belegt den Niedergang am Beispiel von Passa. Ein Dutzend Winzer zählte das unter den Königen von Mallorca im vierzehnten Jahrhundert befestigte Dorf vor zehn Jahren. Heute sind es zwei, doch die Einwohnerzahl hat sich dank der attraktiven Nähe zu Perpignan mehr als verdoppelt. Dass die mittelalterlichen Ausmaße von Passa dabei nicht gesprengt wurden, steht in direktem Zusammenhang mit dem Verschwinden der Winzer. Die neuen Wohnungen und Häuser für die Pendler entstanden in aufgelassenen Keltergebäuden, Remisen und Lagern.
Georges Puig, der hundertfünf Hektar Reben bewirtschaftet, gab nicht auf, ging den überlebenswichtigen Weg und keltert jetzt neben den traditionellen Süßweinen fruchtige, trockene Weine. "Georges" heißt die hauptsächlich aus Carignan- und Grenache- und mit einem kleinen Anteil von Syrah-Trauben gekelterte Cuvée, die in Robert Parkers Weinführer mit 91 Punkten prämiert wurde. Der dunkelrote Wein mit den für das Roussillon typischen violetten Reflexen duftet nach Brombeere, rauchigem Holz, Rosmarin und verwöhnt den Gaumen mit Aromen von Lakritz und Kirsche. Die positive Bewertung der Weine des Château Puig-Parahay durch den amerikanischen Weingroßkritiker sind das eine. Kluge Vermarktungsstrategien das andere. Georges Puig weiß, wie er seine modern ausgebauten Weine international an den Weintrinker bringt: Die exklusiv für den japanischen Markt kreierte "Cuvée Club" genießt in Tokio Kultstatus. Und fast die gesamte Rosé-Produktion exportiert der nicht nur im Keller experimentierfreudige Winzer nach New York.
Puigs eigentliche Leidenschaft aber bleiben die unter dem Haupthaus in Passa gelagerten, alten Süßweine des Guts. Wir kosten einen aus dem Jahr 1875. Auch nach hundertfünfunddreißig Jahren duftet der tiefrote Wein betörend nach destillierten Blüten und Zitrusölen. Ein Schluck genügt, um den Gaumen mit grandios orchestrierten Schokolade-, Pflaume- und Wallnussaromen zu füllen. Dann trinken wie uns langsam in die Gegenwart und schmecken Pflaumenmus, Kakao, alten Rum, Karamell, schwarze Johannisbeerkonfitüre, Nelke, Kirschwasser, Tabak, Mokka, schwarze Feige, Nussbranntwein.
"La Catalane" heißt die Autobahn, über die man sich aus der Weite der Languedoc-Ebene dem Roussillon nähert. Die Trasse folgt der antiken Via Domitia durch die hitzeflimmernde Garrigue, bis bei Salses eine leuchtend rote Festung die ehemalige Grenze des Roussillon zu Frankreich markiert. Hinter dem Fort dräuen die Pyrenäen. Ein paar Minuten später folgt das Betonmonstrum der "L'Indépendent"-Druckerei. "Der Unabhängige" ist die führende Tageszeitung des Roussillon, was zweifelsohne programmatisch gemeint ist. Zwar ist im Gegensatz zum spanischen Teil Kataloniens auf der französischen Seite von politischer Unabhängigkeit keine Rede, doch von Salses an sind die Straßennamen zweisprachig in Katalanisch und Französisch ausgeschildert. Auch die rot-gelb gestreifte Fahne Kataloniens weht nun allgegenwärtig.
Dafür verschwinden mit Le Barcarès und Canet-Plage die letzten Strandurlaubsorte aus der Retorte, mit denen Frankreich vor vierzig Jahren die tischtuchflache Languedoc-Küste gegen die Konkurrenz der Costa Brava konkurrenzfähig machen wollte. In Argelès-sur-Mer setzen die Albères dem endlosen Sand- und Betonband abrupt ein Ende. Mit den Pyrenäenausläufern ändert sich nicht nur das Landschaftsbild. Auch die Küstenorte haben plötzlich Wurzeln, die bis ins Mittelalter zurückreichen, als die süßen Weine des Roussillon als "vins de messe" nach ganz Europa verschifft wurden. Argelès entpuppt sich als altes katalanisches Städtchen, dessen Gassen sich um die gotische Pfarrkirche Notre-Dame-del-Prat winden. Und sein Strandableger Argelès-Plage kommt mit der gepflegten Uferpromenade geradezu manierlich daher.
Die rostroten Felsen der Albères haben dem Küstenabschnitt, der bis zur spanischen Grenze folgt, den Namen gegeben: la Côte vermeille, die karminrote Küste. Winzige Buchten, zu denen man hinunterkraxeln muss, wechseln sich mit Stränden ab, die alte Winzerdörfer wie Collioure oder Banyuls in beliebte Badeorte verwandelt haben. Dazwischen ist die Küste unverbaut und erinnert mit kühn ins tintenblaue Mittelmeer vorpreschenden Kaps und dramatischen Klippenstraßen an die Costa Brava vor dem Sündenfall aus Beton. Immer wieder rücken Weinberge bis direkt an den Strand. Und immer öfter versuchen Winzer, den Touristenstrom auf eine der drei ausgewiesenen Routes des Vins zu lenken - la crise oblige.
Zwischen Argelès-sur-Mer und Collioure streift die Weinroute mit dem Namen "Aspres, Albères, Côte Vermeille" ein kirschblütenweißes Spukschloss. Erker, Türme und ein Dachgebirge aus buntlasierten Ziegeln leuchten unwirklich in den Reben. Jules Pams, Spross einer betuchten Überseehändlerfamilie im nahen Port-Vendres, verheiratet mit der millionenschweren Erbin des Zigarettenpapierfabrikanten Job und künftiger Landwirtschaftsminister, ließ das einer Fata Morgana gleiche Château Valmy um 1890 mit der Mitgift seiner Frau errichten. Von anfangs vierundachtzig Hektar Reben um das Anwesen sind immerhin ein Drittel geblieben. Dass ausgerechnet die ehemaligen Stallungen zu Füßen des Schlosses inklusive sieben Hektar Land von einem abtrünnigen Mitglied der Erbengemeinschaft an die Kommune von Argelès-sur-Mer verkauft wurden, die den erworbenen Besitz seither für die Urlaubermassen anziehende Raubvogelflugschauen nutzt, ist Martine Carbonell noch immer ein Dorn im Auge. 1997 haben die ehemalige Apothekerin und ihr Mann Bernard, Inhaber einer der größten Immobilienfirmen des Roussillon, das Familienschloss übernommen. Von Weinbau hatten die beiden keine Ahnung, wie die dynamische Neo-Winzerin betont. Das nötige Startkapital hingegen hatten sie schon.
Drei Jahre dauerte die Sanierung des Schlosses, in dem ein Flügel mit Chambres d'hôte für zahlende Gäste ausgebaut wurde. Zeitgleich wurde fast der gesamte Weinberg neu angepflanzt. Noch bevor der neue Keller fertig war, konnte der erste Jahrgang mit Hilfe der jungen Önologin Valérie Sannac gekeltert werden: le Premier de Valmy, eine im Eichenfass ausgebaute Cuvée aus den für die Region typischen Rebsorten Syrah, Mourvèdre und Grenache Noir. Der elegante Rotwein mit den Aromen reifer, roter Früchte und feiner Mineralität machte Furore. So modern und frisch hatten Weintrinker und Kritiker das Roussillon selten auf der Zunge erlebt. Mit den Roses Blanches gehen die Carbonells noch einen Schritt weiter. Die im neuen Holz ausgebaute Weißweincuvée aus Viognier,- Marsanne,- Roussane, und Grenache-blanc-Trauben hat ein feines Vanille- und Honigaroma und findet reißenden Absatz. Nicht zuletzt die exponierte Lage des Weinguts über einem der beliebtesten Badeorte der Côte Vermeille trägt dazu bei. Fast die Hälfte der Flaschen geht im Direktverkauf an Urlauber.
Tags drauf faucht der Tramontane über die Corniche, die postkartenschöne Uferstraße nach Collioure. An durchschnittlich zweihundertsechzig Tagen rührt sich der Pyrenäenwind, oft säuselt er nur, pfeift ab und zu kräftig, kann aber auch ruppig aufdrehen. So oder so hat der Tramontane in den Augen der Winzer sein Gutes. Pilzbefall und andere Rebkrankheiten pustet der Wind noch schneller von den Weinstöcken als Badeurlauber von der Liege. Bis in die geschützten Felsbuchten von Collioure reicht sein Atem freilich selten. Am Quai de l'Amirauté rascheln die Platanen ein wenig unter dem blitzblauen Himmel, mehr nicht.
Blau war der Himmel auch, als Henri Matisse im Sommer 1905 in Collioure aus dem Zug stieg. Blau wie an der Côte d'Azur, nur dass der Himmel im Klang mit den rostroten Klippen und dem knalligen Grün der Reben über der Côte Vermeille noch kräftiger leuchtete. Matisse sah, staunte und mietete sich in einer Kaschemme beim Bahnhof ein. In den heißen Wochen nach der Ankunft änderte der Maler seinen Stil radikal. Der "Blick auf Collioure" zeigt eine mit brachialem Schwung auf die Leinwand gesetzte Pfarrkirche Notre-Dame-des-Anges. Beim "Faubourg de Collioure" schlagen die Farben der Boote aneinander. Der Skandal folgte im Herbst auf dem Pariser Salon d'automne. Matisse und sein Mitstreiter André Derain, der ebenfalls mit der Staffelei nach Collioure gereist war, bekamen den Schimpfnamen "fauvistes", Wilde, verpasst - er sollte später Pate für einen eigenen Malstil stehen.
Am Kai unterhalb der siebenhundert Jahre alten Burg beweist der Chemin du Fauvisme, dass die Hafenstadt noch immer so aussieht wie von den Fauvisten gemalt. Reproduktionen mit Werken von Matisse und Derain säumen Altstadt und Strände. Ungestüm schiebt sich die Burg in die lachsrote Dächerlandschaft. Auf dem Pfad scheucht die spritzende Gischt ahnungslose Flaneure. Am Ende der Plage Boramar steht Notre-Dame-des-Anges mit dem Turm im Wasser, so, als ob die kleine Burg Gottes gleich ablegt. Badebuchten schmiegen sich um das Altstadtquartier Le Mouré, im Hinterland drängen sich die Pyrenäen. Das Ganze ist eine Explosion der Farben. Rot, Orange, Grün, Violett, Gelb. Darüber der Himmel, sehr blau.
Doch Collioure pocht nicht nur auf seinen Titel als Wiege des Fauvismus, sondern präsentiert sich ebenso stolz als Nabel der Appellation d'Origine Contrôlée Collioure. Seit 1971 führen die Rotweine, seit 1991 die Rosés und seit 2003 die Weißweine diese prestigeträchtige Ursprungsbezeichnung. Von der Route des Crêtes, einer schwindelerregenden, den Felsen abgerungenen Höhenstraße, bis an den Saum des Mittelmeers halten Schiefermäuerchen die Rebterrassen am Hang. Ein halsbrecherischer Weinwanderweg führt durch die Steillagen nach Cosprons. Ein Hangar am Rand des hinter der Küste versteckten Winzerdorfs entpuppt sich als Domaine de la Coume de la Mas. Das Ziel ist erreicht: das Weingut von Philippe Gard.
Um die Weine des aus der Auvergne ins Roussillon zugewanderten Önologen ist längst so etwas wie ein Verteilungskampf entbrannt. Es gibt kein Schild am Weingut, auf dem Besucher nach Vorankündigung gleichwohl gern gesehen sind. Dafür gibt es klare Regeln: Je länger ein Kunde die Treue zum 1998 gegründeten Weingut hält, desto höher steigt der Bonus bei Lieferungswünschen. Gard sucht sich mit der für seinen auvergnatischen Volksstamm eigenen Sturheit nur die besten Terroirs aus. Dreißig verschiedene Parzellen mit entsprechenden unterschiedlichen Mikroklimata und Böden gehören zum Weingut. Von den Schieferböden stammt ein purpurroter Collioure mit kraftvollen Aromen schwarzer Früchte, dem eine leichte Salznote die Nähe der Weinberge zum Meer bescheinigt. Von besonders sonnenverwöhnten Südhängen stammt der natursüße Banyuls "Quintessence", ein Wein mit umwerfender Schwarzkirschennote.
Und die Krise? Ist die Sache dieses Winzers nicht: "Das Roussillon ist für mich das Weinbaugebiet mit dem größten Innovationspotential. Allein im Norden, in den Fenouillèdes, sind in kurzer Zeit an die siebzig neue Weingüter gegründet worden." Sprach's und schaut über das abstrakte Muster der Terrassenmäuerchen in Richtung Küste. Ganz tief unten in der Bucht von Paulilles, gerahmt vom Grün der Reben und dem Blau des Wassers, leuchten die ziegelroten Dächer des Weinguts Le Clos de Paulilles, ein Bild wie von den Fauvisten. Das Roussillon mag das innovativste Weinbaugebiet Frankreichs sein. Eines der schönsten ist es aber auch.
Information: Der Conseil Interprofessionnel des Vins du Roussillon (19, avenue de Grande-Bretagne, BP 649, F-66006 Perpignan Cedex, Telefon: 0033/4 68/512122, www.vinsduroussillon.com) gibt Auskunft über die Weine des Roussillon, Weingüter, Chambres d'hôte beim Winzer, Ferme-auberges und Restaurants auf Weingütern, Weinstraßen und Weinfesten. Beim Comité Régional du Tourisme Languedoc-Roussillon (L'Arcopole, 954, avenue Jean-Mermoz, F-34960 Montpellier Cedex 2, Telefon: 0033/4 67/200200, www.sunfrance.com) gibt es Broschüren zu allen touristisch relevanten Fragen (auch auf Deutsch).
Text: F.A.Z.